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Jesse Prinz

Humboldt-Universität zu Berlin

Berlin School of Mind and Brain

„In Berlin wird Wissenschaft auf höchstem Niveau betrieben und wissenschaftliche Projekte werden zusammengebracht – für mich einer der spannendsten Forschungsstandorte.“

An der Grenze von Philosophie und Neurowissenschaften erforscht der New Yorker Philosoph Jesse Prinz, wie menschliches Denken, Fühlen und Handeln zueinanderpassen.
 
„Das Lernen ist das Wesen des menschlichen Geistes“, sagt Jesse Prinz. Der New Yorker Wissenschaftler lehrt als Professor für Philosophie am Graduate Center der City University of New York. Dort ist er im Bereich der empirisch informierten Philosophie tätig und noch bis 2017 durch die Einstein-Stiftung Berlin geförderter Gastforscher an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität zu Berlin. Als „Einstein Visiting Fellow“ befasst er sich dort seit 2015 mit Bewusstsein, Emotionen und Werten als Schwerpunktthemen der Philosophie des Geistes. Fünf Forscherinnen und Forscher, zwei an der Spree und zwei am Hudson River, bilden das Kernteam seiner Arbeitsgruppe.

Im Interview berichtet Jesse Prinz über die akademische Motivation hinter seinem Forschungsvorhaben, über die Möglichkeiten transdisziplinärer und international vernetzter wissenschaftlicher Arbeit sowie einen ganz persönlichen Bezug zur Wissenschaftsmetropole Berlin, in der er nicht erst seitdem Beginn seines Einstein Fellowships regelmäßiger Gast ist.

Professor Prinz, was ist die Motivation hinter Ihrer wissenschaftlichen Arbeit?


Ich interessiere mich für alle Aspekte des Gehirns. Auf der untersten Ebene interessiere ich mich für die grundlegenden Prozesse, die zu bewusstem Erleben führen. Zudem interessiert es mich, wie das Gehirn auf das soziale Umfeld reagiert und wie es zu einem Spiegel der kulturellen Welt wird, in der wir leben. Ich versuche also zu verstehen, wie die Interaktion innerhalb der Gemeinschaft, der religiösen Gruppen, der Familie und des Kulturkreises Gedanken- und Verständnismuster, ja sogar Wahrnehmungen und Emotionen entstehen lassen, die unterschiedlich und für dieses Umfeld einzigartig sind.

Womit beschäftigen Sie sich ganz aktuell?

Ich arbeite derzeit an einer Reihe von Buchprojekten. Eines davon befasst sich mit dem Wesen der ästhetischen Psychologie, also der Untersuchung der Frage, wie und warum Menschen auf Kunstwerke und kulturelle Gegenstände mit intensiven ästhetischen Erlebnisse reagieren. Schwerpunktmäßig befasse ich mich dabei mit dem Gefühl des Staunens. Der Gedanke dahinter ist, dass die Kunst im Leben des Menschen teilweise deswegen existiert, weil sie dieses Staunen in unserer in der Erfahrung auszulösen vermag.

Stichwort „Quelle“ – Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Meine Forschung beginnt meist mit der Beobachtung, dass sich Menschen von anderen Lebewesen unterscheiden. Und ich denke, dieser Unterschied lässt sich dadurch ausdrücken, dass wir schnell lernen. Andere Tiere können bis zu einem gewissen Grad lernen und auf ihre Umgebung reagieren. Sie lernen zum Beispiel, dass es an einem bestimmten Ort mehr Nahrung gibt und so weiter. Aber der Mensch ist wie kein anderes Lebewesen formbar.


Jeder von uns hat Zeitvertreibe und Interessen, eine Geschichte, bestimme Geschmäcker, einen bestimmten Kleidungsstil und politische Orientierungen. All das wird durch die Kultur bestimmt. All das existiert aufgrund unserer Fähigkeit zu lernen. Die für mich interessante Frage lautet also, wie der menschliche Geist beschaffen ist, und die Antwort auf diese Frage heißt: Das Lernen ist das Wesen des menschlichen Geistes.

Seit dem Jahr 2015 forschen Sie zu diesen und verwandten Fragen als Visiting Fellow der Einstein Stiftung an der Berlin School of Mind and Brain. Was macht die Arbeit dort für Sie so besonders?

Innerhalb unserer Einstein-Gruppe haben sich Personen aus verschiedenen Bereichen zusammengetan, um Experimente durchzuführen und theoretische Modelle zu entwickeln, die sie ohne die Gespräche, die mit der Finanzierung ermöglicht wurden, niemals in Angriff genommen hätten. Die verschiedenen Forschungsthemen und -tools, die bereits existierten und bisher allein weiterentwickelt wurden, kommen nun zusammen, um Aufschluss über neue Probleme und neue Möglichkeiten zu geben — dank dem Austausch, den wir mit dem Projekt ermöglichen.

Was sind Ihre Ziele als Einstein Visiting Fellow?

Das Einstein-Projekt verfolgt zwei übergeordnete Ziele. Einerseits möchten wir die Forschungsmethoden in den Wissenschaften und Geisteswissenschaften grundlegend verändern. Zwar zählen Themen wie Emotionen, Bewusstsein und Werte heute zu den beliebtesten Forschungsbereichen. Aber allzu oft werden diese von Forschern in einzelnen Fachgebieten untersucht, ohne dass sich diese austauschen, sodass die drei Bereiche unabhängig voneinander erforscht werden. Wir möchten diese nicht nur in ihren Ansätzen zusammenbringen, sondern auch die drei Bereiche Bewusstsein, Emotionen und Werte in dieselbe Diskussion einbinden.


Unser zweites Ziel ist die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen, sowohl innerhalb Europas als auch aus eigenem Interesse durch die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den USA und Deutschland. Ich denke, die Forschungsgruppen in Berlin und in New York haben viele gemeinsame Interessen, und es wäre wirklich toll, wenn aus diesem Projekt eine langjährige internationale Zusammenarbeit entstehen würde.

Sie selbst haben die deutsche Hauptstadt nicht erst durch die Einstein Stiftung kennengelernt ...

Meine Großeltern sind hier aufgewachsen und haben mir in meiner Kindheit immer wieder von Berlin erzählt. Ich kam als Teenager und junger Erwachsener häufig hierher, oft gemeinsam mit meiner Großmutter, um Orte zu besuchen, die in ihrer Jugend für sie von Bedeutung waren.

Berlin war für mich schon immer mehr als alles andere ein kulturelles Zentrum. Es ist ein Ort, der Menschen mit vielen unterschiedlichen Hintergründen willkommen heißt, es ist eine Stadt der Einwanderer, es ist eine Stadt der Künstler, es ist eine Stadt der Menschen, die einen Ort suchen, an dem sie kreativ sein können.

... und was macht Berlin für Sie heute – als international bekannter Wissenschaftler – aus?

Ich glaube, Berlin bietet einzigartige Möglichkeiten für diejenigen, die sich für interdisziplinäre Forschung interessieren. Die Berlin School of Mind and Brain ist praktisch einzigartig unter den höheren Bildungseinrichtungen, da sie Studierende sowohl in der Neurowissenschaft als auch in theoretischen Gebieten wie der Philosophie schult.

 

Es ist einer der wenigen Orte der Welt, in der die Idee institutionell unterstützt wird, dass wir menschliches Verhalten auf mehreren Analyseebenen untersuchen können, ohne dass eine davon eine Vorrangstellung einnehmen muss. In Berlin wird nicht nur praktisch jede wissenschaftliche Disziplin auf höchstem Niveau betrieben, hier werden diese wissenschaftlichen Projekte auch zusammengebracht, und das macht die Stadt für mich zu einem der spannendsten Forschungsstandorte.

 

Für mich ist Berlin auch ein Ort, um Kunst zu sehen. Wie in New York verbringe ich hier also einen Großteil meiner Freizeit mit dem Besuch von Museen und Galerien. Sie sind eine Quelle der Inspiration für meine Forschung, bereiten mir aber auch privat viel Freude. In Berlin genieße ich zudem die große kulinarische Vielfalt, die wunderbare Musik und die zahlreichen Möglichkeiten im Freien, wie die Cafés, in denen man im Sommer stundenlang bei einem Glas Wein oder Bier ins Gespräch vertieft verweilen kann. Das ist wirklich etwas, das man nicht an vielen anderen Orten sieht.

 

Zur Person

Jesse Prinz ist seit 2015 Einstein Visiting Fellow an der Berlin School of Mind and Brain, die an der Humboldt-Universität angesiedelt ist. Bereits seit 2009 lehrt er als „Distinguished Professor of Philosophy“ an der City University in New York. Vorherige Lehr- und Forschungstätigkeiten führten ihn unter anderem an die University of North Carolina, Chapel Hill sowie an die Stanford University und die. Washington University, St. Louis. Seinen Doktorgrad (Ph.D.) erwarb Prinz an der University of Chicago.

Mehr Informationen: http://www.mind-and-brain.de/home/